Veröffentlicht am: 15th April, 2010
Das der dänische Regisseur Lars von Trier ein Händchen für außergwöhnliche Filme hat, zeigte er uns schon beispielweise bei ‘Dogville’. Nun hat er bei den diesjährigen Filmfestspielen in Cannes, seinen neuen, für ihn persönlich wichtigsten Film vorgestellt und für einen handfesten Skandal gesorgt, der Tarantinos ‘Inglourios Basterds’ beim Journalisteninteresse in den Schatten stellte. Wieder wurde eine Grenze der Brutalität auf der Kinoleinwand überschritten. Wieder wurde diskutiert, ob der Schaffer dieses Werkes in die Nervenheilanstalt eingewiesen oder doch als Genie vergöttert werden sollte. Tatsächlich spaltet der Film die Massen. Entweder man tut das Gesehene als puren und sinnlos in Szene gesetzten Ekel ab, oder aber man entdeckt für sich die Aussagen hinter den verstörenden Szenen.
Der Streifen startet schon mit dem eigentlichen Höhepunkt. Der Prolog ist wundervoll schwarz/weiß in Szene gesetzt. Jede einzelne Einstellung ein Highlight. In super Slow-Motion sehen wir das Pärchen (Charlotte Gainsbourg, Willem Dafoe) beim Geschlechtsakt. Schon hier wird klar, das von Trier sich nicht mit Andeutungen zu Frieden gibt. Die deutliche, nichts aussparende Darstellung des Aktes, lässt den Zuschauer schon wissen, worauf er sich einläßt. Während nun die Eltern beschäftigt sind, begibt sich Sohn Nick unbemerkt auf Erkundungstour. Während die Eltern dem Höhepunkt fröhnen, stürzt der Kleine, untermalt von klassischer Musik Händels, aus dem geöffneten Fenster nach draussen auf die verschneite Strasse.
Nach dem Prolog sehen wir Monate später die Frau im Krankenhaus, da sie den Verlust ihres Kindes nicht überwinden kann. Er, selbst Therapeut, möchte sie allerdings nach Hause holen und dort selbst behandeln. Hier beginnt nun eine etwa halbstündige, etwas langatmige Aneinandereihung von Szenen, welche dem Zuschauer die distanzierte Beziehung der Beiden sowie die starke depressive Erkrankung der Frau verdeutlichen soll.
Interressant wird es wieder, als der eigentliche Hauptpart des Filmes beginnt. Das Pärchen reist in tiefe Wälder um in einer abgelegenen Blockhütte die tiefsten Ängste der Mutter therapieren zu können. Hier wird das kommende Chaos von einem sprechenden Fuchs prophezeit und eine schaurige Mär beginnt.
Eines ist sicher, wenn der Film vorrüber ist, fällt es einem schwer das Gesehene einzuordnen. Erst müssen die bedrückenden Bilder im Kopf verarbeitet werden. Doch was soll uns der Film letzendlich sagen, wird die Frage sein. Viele Fragen bleiben offen und sind gerade deswegen so bedrückend. Ist die Frau vom Teufel besessen, oder ist sie nur geistig krank? Verarbeitet sie noch den Tod des Sohnes oder ist sie einfach nur noch voller Hass gegenüber ihrem Partner? Vieles bleibt theoretisches Machwerk und man hat die Vermutung, das von Trier hier wild Mythen, Depressionen, Angst und Psychoanalyse durcheinanderwirft. Und doch macht gerade dies den Reiz aus.
Die expliziten Gewaltdarstellungen, wie die Selbstbeschneidung der Frau, bauen sich konsequent in den Handlungsstrang ein und zeigen explizit die Voranschreitung des Chaos. Sie dienen allerdings nicht als aufseheneregendes Torture-Porn-Spektakel, sondern dienen dem realistsichen Aufzeigen, wozu der Mensch in den tiefsten Abgründen seiner Seele im Stande ist. Sie gehören zum Kunstwerk.
Viel wurde über ‘Antichrist’ gesagt und geschrieben. Von mir eine klare Empfehlung, wenn man sich einen Film auch länger durch den Kopf gehen lassen möchte. Genug Interpretationsmöglichkeiten überlässt von Trier dem Zuschauer. Gleichzeitig bekommt man gutes Psycho-Gruselkino mit einer beeindruckenden schauspielerischen Leistung von Charlotte Gainsbourg und atemberaubenden Bildern. Geschrieben von Daniel Reich
| Filminformation | |
|---|---|
| Film: | Antichrist |
| Regisseur: | Lars von Trier |
| Autor: | Lars von Trier (written by) |
| Premierendatum: | 10 September 2009 (Germany) / Andere Länder |
| Genre: | Drama | Horror |
| Ergänzender Untertitel: | When nature turns evil, true terror awaits. (UK) |
| Lauflänge: | 109 | 104 |
| Auszeichnungen: | 1 win&1 nomination |
| Schauspieler: | Willem Dafoe, Charlotte Gainsbourg, , , … |